Worauf ich bei der Wahl meiner Lehrer Wert gelegt habe
Wenn ich heute auf meinen Weg im Shibari zurückblicke, gehören die Menschen, von denen ich gelernt habe, ganz wesentlich zu dieser Geschichte. Gerade am Anfang war für mich nicht leicht einzuschätzen, was eine gute Lehrperson ausmacht. Beeindruckende Bilder, ein bekannter Name oder technisch spektakuläre Fesselungen sagen noch nicht unbedingt etwas darüber aus, wie gut jemand Wissen vermittelt und wie verantwortungsvoll diese Person mit anderen Menschen umgeht.
Vielleicht kann dieser Text Menschen, die selbst nach einer passenden Lehrperson suchen, eine kleine Orientierung geben. Dennoch beschreibe ich hier ausschließlich meine persönlichen Ansichten, Erfahrungen und Kriterien. Ich sage niemandem: Du musst das genauso machen. Vielmehr möchte ich zeigen, worauf ich damals geachtet habe und was für mich bis heute wichtig ist.
1. Lehrerlinie
Mir war wichtig, die Lehrerlinie einer Lehrperson nachvollziehen zu können. Ob die Informationen auf einer Webseite standen oder sich erst im Austausch ergaben, war zweitrangig. Entscheidend war, dass die Person offen darüber sprechen konnte, von wem sie gelernt hatte, welche Einflüsse sie geprägt hatten und wie sie ihr Wissen weiterentwickelte.
Eine nachvollziehbare Linie zeigte mir, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Shibari stattgefunden hatte. Wer unterrichtet, sollte mehr können als eine Abfolge aus einem YouTube-Tutorial nachzufesseln. Fesselungen bestehen nicht nur aus praktischem Tun, sondern ebenso aus Theorie, Körperverständnis, Risikobewusstsein und begründeten Entscheidungen. Ich wollte daher nicht nur sehen, was jemand tut, sondern verstehen, warum.
Außerdem fände ich es legitim, Einschätzungen früherer Lehrer oder aus dem Umfeld einer Schule einzuholen. Auch solche Rückmeldungen sind nicht vollkommen objektiv, können zusammen mit dem eigenen Eindruck aber helfen, Erfahrung und Kompetenz besser einzuordnen. Eine bekannte Lehrerlinie war für mich dennoch nie automatisch ein Gütesiegel, sondern lediglich ein Ausgangspunkt für weitere Fragen.
2. Sicherheit
Mitunter das Wichtigste war und ist für mich die Sicherheit. Shibari birgt Risiken für die körperliche und psychische Gesundheit des Models. Eine Lehrperson muss diese Risiken deshalb fachlich, sachlich und verständlich erklären können – nicht nur beiläufig erwähnen.
Dazu gehören Kenntnisse über Anatomie, Nerven, Durchblutung, Atmung und die Belastungen bei Partial- und Full-Suspensions. Sicherheit bedeutet für mich jedoch nicht, Regeln auswendig zu lernen. Sie bedeutet, aufmerksam zu bleiben, Veränderungen wahrzunehmen und eine Fesselung bei Bedarf anzupassen oder zu beenden.
Technische Kompetenz zeigte sich für mich darin, dass jemand nicht nur Pattern beherrschte, sondern die dahinterliegenden Prinzipien erklären konnte: Wie wirken Kräfte, wo entstehen Belastungen und was verändert sich bei einem anderen Körper oder einer anderen Position? Lehrer, die auch über Fehler, Unsicherheiten und Grenzen sprechen konnten, wirkten auf mich glaubwürdiger als Menschen, bei denen alles vollkommen kontrolliert erschien.
3. Lehrkonzept
Vor dem ersten Unterricht stellte sich mir die Frage, ob überhaupt ein erkennbares Lehrkonzept vorhanden war. Ein solches Konzept stand für mich für Vorbereitung, Professionalität und Erfahrung. Es gab mir die Zuversicht, dass Inhalte sinnvoll aufeinander aufbauen und Fragen nicht nur spontan, sondern auf Grundlage eines gewachsenen Erfahrungsschatzes beantwortet werden.
Ein guter Rigger oder eine gute Riggerin ist nicht automatisch auch eine gute Lehrperson. Ich habe besonders von Menschen profitiert, die komplexe Zusammenhänge verständlich erklären und konkrete Korrekturen geben konnten. Statt eines knappen „Das ist falsch“ wollte ich wissen, was gerade passiert, welches Problem entstehen kann und wie ich es verändere.
Zugleich sollte ein Lehrkonzept nicht zum Dogma werden. Wenn eine Regel genannt wurde, wollte ich ihren Zweck, ihren Kontext und ihre Grenzen verstehen. Eine Erklärung, die eigenständiges Denken ermöglicht, war mir mehr wert als ein bloßer Verweis auf Tradition oder Autorität.
4. Sympathie
Natürlich spielte Sympathie eine Rolle. Lernen fällt mir leichter, wenn Humor möglich ist, ich ernst genommen werde und Fehler oder Unsicherheiten nicht gegen mich verwendet werden. Ich muss mit einer Lehrperson weder befreundet sein noch jede Haltung teilen, brauche aber ein grundlegendes Vertrauen.
Ich wollte keine Lehrperson, die wie ein Guru auftritt. Erfahrung verdient Respekt, macht aber niemanden unfehlbar. Kritik sollte nicht als Illoyalität gelten und persönliche Grenzen dürfen nicht einer angeblich höheren Lehre untergeordnet werden. Gute Lehrer können zugeben, dass sie etwas nicht wissen, lassen andere Perspektiven zu und stärken die Eigenständigkeit ihrer Schüler.
Auch die stilistische Ausrichtung musste passen. Mich interessieren besonders Restriktion, Spannung, Semenawa sowie Partial- und Full-Suspensions. Ich wollte von Menschen lernen, deren Arbeit mich berührt, ohne ihren Stil einfach zu kopieren. Entscheidend war, ihre Entscheidungen zu verstehen und daraus nach und nach eine eigene Handschrift zu entwickeln.
5. Perspektivwechsel
Häufig unterschätzt wird aus meiner Sicht die Perspektive des Models im Unterricht. Mir war wichtig, dass nicht nur ich als Rigger etwas lerne. Auch mein Model sollte Erfahrungen einordnen und Wissen mitnehmen können. Ein rein riggerzentrierter Unterricht kam für mich deshalb nicht infrage.
Ich achtete sehr darauf, wie eine Lehrperson mit Models umging. Wurde die gefesselte Person als eigenständiger Mensch wahrgenommen? Wurden Rückmeldungen ernst genommen und blieb während einer Demonstration Raum für Kommunikation? Für mich ist Konsens keine einmal eingeholte Erlaubnis, sondern ein fortlaufender Prozess.
Druck, Zug, Taubheitsgefühle oder emotionale Reaktionen lassen sich nicht allein von außen beurteilen. Eine gute Lehrperson bezieht deshalb die Perspektive des Models aktiv ein. Verantwortung bedeutet für mich, aufmerksam und ansprechbar zu bleiben und meine Wahrnehmung immer wieder mit derjenigen meines Gegenübers abzugleichen.
6. Ansprechbarkeit
Wichtig war mir, auch zwischen den Unterrichtseinheiten gelegentlich eine Frage stellen zu können. Das war vorher abgesprochen und gehörte zum Konzept: Lernen durch Üben. Gerade beim eigenen Ausprobieren entstehen Fragen, die sich während eines Vorfesselns noch nicht gezeigt haben. Bevor sich etwas Falsches einschleicht, frage ich lieber einmal nach.
Ansprechbarkeit bedeutet für mich nicht, dass eine Lehrperson jederzeit verfügbar sein muss. Es braucht klare Absprachen und Respekt für Zeit und Grenzen. Entscheidend war, dass ich wusste, in welchem Rahmen Fragen möglich waren. Die Rückmeldung sollte mich dabei nicht dauerhaft abhängig machen, sondern mich zunehmend befähigen, Situationen selbst zu beurteilen.
7. Räumliche Nähe
Die räumliche Nähe war ebenfalls ein Thema. Es gibt nicht überall Shibari-Schulen oder Möglichkeiten für regelmäßigen, fundierten Unterricht. Ich hatte Glück; andere müssen längere Wege, mehr Zeit und höhere Kosten in Kauf nehmen.
Nähe erleichtert Kontinuität: Regelmäßiger Unterricht, wiederholtes Üben und eine langfristige Begleitung lassen sich besser in den Alltag integrieren. Trotzdem würde ich Erreichbarkeit nie über Qualität stellen. Ein nahes Angebot hilft wenig, wenn Sicherheit, Lehrkonzept, Umgang oder persönliche Chemie nicht stimmen. Für guten und nachhaltigen Unterricht kann sich deshalb auch ein weiterer Weg lohnen.
Was mir davon geblieben ist
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass keine einzelne Lehrperson alle Antworten haben kann. Aber meine Lehrer haben mir technische Präzision, einen anderen Blick auf Risiken, klarere Kommunikation und den Mut zum Hinterfragen vermittelt. Manche Einflüsse waren langfristig prägend, andere zeigten mir vor allem, was nicht zu mir passt. Auch das war wertvoll.
Die Wahl meiner Lehrer war immer auch Teil meiner Entwicklung als Rigger. Sie haben meine Wahrnehmung geschärft, meine technischen Möglichkeiten erweitert und mich dazu gebracht, meine Entscheidungen besser zu begründen. Aus ihren Einflüssen, meinen Erfahrungen und den Begegnungen mit den Menschen, die ich fessle, entstand nach und nach etwas Eigenes.
Gelernt habe ich bei Fukuro Shibari in Witten. Diese Schule hat mich auf meinem Weg nachhaltig geprägt, und ich würde sie aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen bedenkenlos weiterempfehlen. Darin liegt für mich der nachhaltigste Wert guten Unterrichts.
Worauf achtest du bei der Wahl deiner Lehrer?
Welche Erfahrungen haben deine Entwicklung besonders geprägt – und was ist dir in einem Unterricht wichtig?
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